Der „Kollege von den Stadtwerken Homs“ ist vor dem Bürgerkrieg geflohen

Er hat seine Familie vor einem schrecklichen Krieg in Sicherheit gebracht und Furchtbares erlebt, den Glauben und die Hoffnung auf ein glückliches Leben hat Talal Dabas aber niemals aufgegeben. Das spürt man, sobald der Mann zur Begrüßung lächelt. Über was er sich besonders freuen würde ist, Arbeit bei den Lindauer Stadtwerken zu bekommen, wo er Ende 2015 bereits erfolgreich eine Hospitanz absolvierte. Talal ist im Frühjahr 2015 mit seiner damals 22jährigen Frau Rasha und seinen beiden Kindern Alma (4 Jahre) und Tawfik (4 Wochen) aus Homs in Syrien vor dem Bürgerkrieg geflüchtet.

Homs wird „das Herz des syrischen Aufstandes“ genannt. 2011 entwickelt sich aus den Protesten gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad, der seinen Vater 2000 im Präsidentenamt beerbte, ein Bürgerkrieg. Die Front zwischen Rebellen und Assad-Truppen verläuft mitten durch die Stadt. Im Juni 2013 beschießt die Artillerie der syrischen Armee abtrünnige Viertel mit Mörsern und Raketen. Scharfschützen haben in der Stadt Posten bezogen, Erschossene verbluten in den Straßen der Stadt. Täglich werden Menschen entführt und gefoltert oder von Scharfschützen erschossen. 2014 kämpfen in Homs neben gemäßigten Rebellen auch Al-Qaida und der sogenannte Islamische Staat um Gebietshoheiten. Die Genfer Syrien-Verhandlungen scheitern. Bis 2016 hat der Syrien-Krieg bereits mehr als 250.000 Menschenleben gefordert und die Hälfte der Bevölkerung (ca. 24 Mio.) zu Flüchtlingen gemacht.

Flucht nach dem Einberufungsbefehl

In Homs ging Talal zur Schule, machte Abitur und studierte Elektrotechnik. Und dort spielte er Fußball: bei Al Karama in der ersten syrischen Fußball-Liga. Von 2003 bis 2005 leistete er seinen Wehrdienst bei der Armee und war danach bis 2010 als Elektriker für „Stroy Trans Gas“ in Algerien und den Arabischen Emiraten beschäftigt. 2010 wechselte er zu den Stadtwerken Homs, wo auch sein Vater arbeitet, der diesen Monat in Rente kommt. Der Vater war es auch, der die Familie – als Talal im März 2015 einen Einberufungsbefehl erhielt – an die syrische Grenze fuhr. Die Flucht vor dem Krieg dauerte für Talal und seine Familie 44 Tage: Über die Türkei und Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich kamen sie im Mai 2015 in Deutschland an, mehrfach ausgeraubt und von Schleusern abgezockt. Im Juni wurde die Familie der Gemeinde Hergensweiler zugewiesen und wird dort seitdem vom dortigen Flüchtlings-Helferkreis unterstützt. Wenn Talal von seiner Flucht erzählt, dann nur kurz von Schleusern und Kriegsgewinnlern, wichtiger ist ihm, von hilfsbereiten und freundlichen Griechen auf Kos zu berichten – die ihm und seiner Familie trockene Kleidung und Essen brachten.

Viele bürokratische Hürden

Talal hat beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einen Asylantrag gestellt. In den ersten drei Monaten, nachdem ein Flüchtling einen Asylantrag gestellt hat, gilt für ihn absolutes Arbeits- und Ausbildungsverbot. Bei Bewerbern, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist oder die vorübergehend geduldet sind, gibt es eine Vorrangprüfung der Arbeitsagentur. Innerhalb von zwei Wochen muss sie der zuständigen Ausländerbehörde melden, ob für die gewünschte Stelle auch ein inländischer oder aus dem europäischen Ausland zugewanderter Kandidat in Frage kommt. Ist ein Arbeitsplatz schon seit vier Wochen ausgeschrieben, ist er automatisch auch für Asylbewerber freigegeben. Die endgültige Entscheidung über die Arbeitserlaubnis liegt bei der Ausländerbehörde.

Nach 15 Monaten entfällt die Vorrangprüfung. Geduldete und Asylsuchende, über deren Antrag dann noch nicht entschieden wurde, dürfen dann ohne Zustimmung eingestellt werden.

„Talal würde super reinpassen“

Für die Stadtwerke war also die einzige Möglichkeit, den „Kollegen von den Stadtwerken Homs“ kennen zu lernen, eine Hospitanz, die ein „toller Erfolg auf der ganzen Linie“ war, berichtet Silke Fischer, Personalleiterin bei den Stadtwerken. „Talal war eifrig dabei und er weiß, was er tut“. Die Stadtwerke prüfen derzeit, wie sie Talal in Arbeit bringen können. „Seine Ausbildung wird in Deutschland nicht anerkannt, wir möchten aber versuchen, dass er nach einer bestimmten Zeit Prüfungen ablegen kann und damit eine echte Perspektive hat“.

Vollauf zufrieden waren auch die Elektriker und Kollegen, mit denen Talal während seiner Hospitanz zusammenarbeitete. Und gleichzeitig sehr betroffen: „Bei uns ist Strom selbstverständlich“ sagt Ramón Aroca, „in Homs dagegen gibt es zwei Stunden Strom, dann sechs Stunden keinen mehr. Die Jungs dort arbeiten überwiegend mit Notstromaggregaten und müssen ständig improvisieren. Elektriker waren an Schaltstationen stationiert und hatten die Aufgabe zu warten, bis die nächste Sicherung flog, um sie dann notdürftig mit Draht zu flicken und wieder einzusetzen“. Aroca ist überzeugt, dass Talal super ins Stadtwerke-Team passen würde: „Er war der Erste, der morgens in den Graben gesprungen ist, er weiß, was zu tun ist und sieht die Arbeit. Ich hatte den Eindruck, er hätte gern noch viel mehr gemacht und gezeigt, was er kann“.

Bis es so weit ist und der 32jährige Syrer das Stadtwerke-Team verstärken kann, lernt er weiter fleißig Deutsch und hilft in Hergensweiler, wo er kann. „Talal ist immer da und versucht die Hilfe, die er selbst bekommen hat, weiterzugeben“ freuen sich Lissy und Wolfgang Spähn vom Helferkreis in Hergensweiler. Man sieht den beiden Ehrenamtlichen an, wie viel Freude sie am Helfen haben. Besonders loben sie dabei die Zusammenarbeit mit den Behörden im Landkreis. „Die sind überhaupt nicht eingefahren und kompliziert“ so Spähn, „sondern sehr hilfsbereit und dankbar uns gegenüber“.

Talal engagiert sich mittlerweile beim Woodstockenweiler-Festival, kickt in der ersten Mannschaft beim TSV und ab März wird er dort auch die E-Jugend trainieren. Und er hofft, dass er bald der „Kollege von den Stadtwerken Lindau“ sein kann.

SWLi/manu

Talal fühlt sich wohl in der Werkstatt der Stadtwerke