Sarah kämpft sich durch die Energiewirtschaft

So viele Gesetze, Vorschriften und Fachchinesisch getoppt mit technischem Verständnis und politischen Vorgaben und Beschlüssen – die Energiewirtschaft hat ihre eigene Sprache, das war Sarah Tronsberg schnell klar. Ihre Ausbildung zur Industriekauffrau bei den Stadtwerken startete die Westallgäuerin im September 2015 - heute kennt sie sich schon gut aus im EEG-Gesetz und der Stromnetzentgeltverordnung und erlebt zur Zeit hautnah die schwierigen Tarif-Kalkulationen für den Strompreis 2017.

Strompreiskalkulation

Die festen Bestandteile des Strompreises, also Steuern und Abgaben (EEG-Umlage, Stromsteuer, KWK-Aufschlag, §19 StromNEV-Umlage, Offshore-Haftungsumlage, Umlage für abschaltbare Lasten und Konzessionsabgabe) und die Netzentgelte sind in den letzten Jahren stark angestiegen. So stark, dass sie heute zusammen für rund 75% des Strompreises verantwortlich sind. Die Stadtwerke Lindau informieren ihre Kunden Mitte November, wenn alle Preisbestandteile veröffentlicht und die Tarife kalkuliert sind, schriftlich über den Strompreis 2017. Sarah weiß, dass der vom Strom-Unternehmen selbst beeinflussbare Anteil des Strompreises, also der Kostenblock Stromeinkauf, Vertrieb und Service gerade noch ein Viertel des Preises ausmacht. Kein großer Spielraum also für das regionale Energieversorgungsunternehmen. Sarah bekommt gerade im Stadtwerke-Vertrieb hautnah die Kalkulationen mit: als Hannes Rösch, Bereichsleiter Markt bei den Stadtwerken Lindau in der Teamsitzung zusammenfasste, dass die Stadtwerke, gäbe es für 2017 keine Veränderungen bei den Netzentgelten und Umlagen, die Strompreise für die Kunden sogar senken könnten, war sie nicht überrascht. Sarah ist – wie sicher alle Kundinnen und Kunden - gespannt auf das Ergebnis, aber auch auf die weitere politische und wirtschaftliche Entwicklung in der Energiewirtschaft. Bis Ende Oktober müssen alle Komponenten veröffentlicht sein.

Stetig steigende Netzentgelte – Firmen mit hohem Verbrauch sind befreit

Vier Übertragungsnetzbetreiber (Tennet TSO, 50Hertz Transmission, TransnetBW und Amprion) und etwa 900 Verteilnetzbetreiber sorgen rund um die Uhr dafür, dass der Strom vom Stromerzeuger zum Kunden transportiert wird. Netzentgelte werden von den Netzbetreibern für den Bau, Betrieb und die Instandhaltung der Stromnetze erhoben. Bezahlt werden sie von den Stromanbietern, die wiederum die Kosten an ihre Kunden weitergeben. Die Netzentgelte lagen 2016 im Durchschnitt 5,7% über dem Vorjahresniveau. Eine wesentliche Ursache für die steigenden Netzkosten ist, dass aufgrund des starken Wachstums der Erneuerbaren Energien die Verteilernetze massiv aus- und umgebaut werden müssen. Immer mehr Anlagen, die Strom aus Erneuerbaren Energien liefern, müssen an das Netz angeschlossen werden. Strom aus Wind und Sonne wird außerdem zunehmend dezentral und teilweise verbrauchsfern erzeugt. Deshalb muss auch das Übertragungsnetz ausgebaut werden, um den Strom da hin zu transportieren, wo man ihn braucht.

Firmen mit einem hohen Stromverbrauch (größer als 10 Mio. kWh) und einer Benutzungsstundenzahl von mindestens 7.000 Stunden im Jahr sind seit 2011 von den Netzentgelten befreit, was den Strom für alle anderen Verbraucher verteuert. Seit 2011 sind die Netzentgelte um insgesamt 23% gestiegen und werden von den staatlichen Regulierungsbehörden insbesondere mit Blick auf Kosteneffizienz streng geprüft und hernach erst genehmigt. Für 2017 haben die vier Betreiber der Übertragungsnetze bereits Preiserhöhungen angekündigt: Allein im Höchstspannungsnetz von Tennet zeigt sich nach Berechnungen der Get AG für 2017 ein Preisauftrieb von fast 80 Prozent. Für einen Beispielkunden bei 50Hertz wird es um zirka 42 Prozent teurer. Moderater fällt die Kostensteigerung mit knapp zwölf Prozent in der Regelzone von Amprion aus. Die Nutzung im Höchstspannungsnetz von Transnet BW verteuert sich den vorläufigen Angaben zufolge um 4,93 Prozent.

Netzausbaubedarf

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat in einer Studie (2014) zum Um- und Ausbau der Verteilnetze einen Investitionsbedarf von 23 bis 49 Milliarden Euro bis 2032 ermittelt. Wesentlicher Treiber hierfür ist der Ausbau der Photovoltaik und der Windenergie an Land. Der Netzanschluss dieser Erzeugungsanlagen findet nahezu ausschließlich auf regionaler Ebene statt. Für die Investitionen bei den Strom-Übertragungsnetzen, den sogenannten Stromautobahnen, sieht der Netzentwicklungsplan Strom 2025 (NEP 2025) Kosten in Höhe von 27 bis 34 Milliarden Euro vor. Der von der Politik beschlossene Vorrang der Erdverkabelung gegenüber Freileitungen führt zu Mehrkosten in Milliardenhöhe. Hinzu kommen weitere 7 bis 10 Milliarden Euro für den Netzanschluss der Windenergieanlagen auf See (Offshore).

Netzebenen

Das Elektrizitätsnetz ist in sieben Netzebenen unterteilt. Dabei kennzeichnet die ungerade Nummerierung die unterschiedlichen Spannungsebenen im Netz, die gerade Nummerierung die Umspannungsebenen. - Ebene 1: Höchstspannung 380/220 kV, einschließlich 380/220 kV-Umspannung - Ebene 2: Umspannung Hoch-/Höchstspannung - Ebene 3: Hochspannung 110 kV - Ebene 4: Umspannung Hoch-/Mittelspannung - Ebene 5: Mittelspannung - Ebene 6: Umspannung Mittel-/Niederspannung - Ebene 7: Niederspannung Die Stromtarife sind abhängig von der jeweiligen Netzebene. Haushaltskunden sind in der Regel auf Ebene 7 eingestuft. Auch die anfallenden Netznutzungsentgelte richten sich nach den Netzebenen in denen der Strom abgenommen wird.

Subventionierter Ökostrom – die Energiewende hat ihren Preis

Der Anstieg der Netzentgelte fällt dabei sehr viel höher aus als die in den vergangenen Monaten gesunkenen Kosten für den Einkauf von Strom an der Strombörse in Leipzig. Lag der Börsenstrompreis 2015 im Schnitt noch bei 3,2 Cent pro Kilowattstunde, waren es im ersten Halbjahr 2016 nur noch 2,5 Cent. Weil aber die Energiewende ihren Preis hat und den Betreibern von Windrädern, Solar- und Biogasanlagen für 20 Jahre ein Strompreis garantiert wurde, der mittlerweile ein Mehrfaches des Börsenstrompreises beträgt, muss immer mehr Geld aus dem EEG-Topf an die Anlagen-Betreiber ausgeglichen werden. So nimmt die Menge an subventioniertem Ökostrom stetig zu und die EEG-Umlage muss jährlich angehoben werden. 2017 wird die Umlage auf 6,88 Cent je Kilowattstunde steigen, 2016 wurde sie bereits um 3 Prozent auf 6,35 Cent erhöht – im Zeitraum von 2010 bis 2015 hat sich die EEG-Umlage insgesamt verdreifacht!

manu/Foto: Manu Schlichtling

 

Die Stadtwerke-Azubine weiß, wie sich der Strompreis zusammensetzt.