Unfälle mit Strom erfordern spezielle Kenntnisse und Maßnahmen

Den Ernstfall üben und Helfer und Einsatzkräfte für Gefahren sensibilisieren - Es ist Montag Abend, 20 Uhr: Ein Unfall kurz vor der Insel, ein Auto rast in die 10kV-Trafo-Station der Stadtwerke an der Ecke Hasenweidweg/Langenweg, ein anderes überschlägt sich und liegt auf dem Dach, Menschen sind verletzt und in den Unfallwägen eingeklemmt, Rauch quillt aus der Trafostation. Ramón Aroca hat Bereitschaftsdienst und er weiß, jetzt geht es um Menschenleben: Nicht nur um die der Unfallbeteiligten, sondern auch um die der Helfer. Im schlimmsten aller anzunehmenden Unfälle mit Strom steht das Unfallfahrzeug unter Hochspannung. In diesem Fall können die Feuerwehreinsatzkräfte erst dann tätig werden, wenn die Techniker der Stadtwerke die Station stromlos geschaltet haben – dem Auto vorher zu nahe zu kommen oder es gar zu berühren bedeutet den sicheren Tod. Rund 80 Einsatzkräfte von BRK und Feuerwehr waren mit 15 Fahrzeugen am Einsatzort – ein sehr real nachgestellter Großeinsatz, bei dem die Zusammenarbeit aller Beteiligten extrem wichtig ist.

„Da schießt Dir das Adrenalin literweise durch den Körper und die drei Minuten an der Schranke werden zur Ewigkeit“ berichtet Ramón Aroca. Als bereitschaftshabender Techniker muss er in einem Zeitraum von einer halben Stunde vor Ort sein. Genauso wie sein Kollege Jürgen Doll. Von Seiten der Stadtwerke-Bereitschaft hat alles wie am Schnürchen funktioniert, dennoch konnte man den beiden Technikern die Erleichterung ansehen, als sie erfahren haben, dass es sich um eine Übung, und nicht um einen Ernstfall gehandelt hat. Die Überlebenschance der beiden Menschen in dem Unfallauto, das in die Trafostation gekracht war, schätzt der Elektromeister Ramón Aroca gering ein: Das Auto lag auf der Seite, die isolierende Wirkung der Autoreifen war dadurch aufgehoben. Der sogenannte „faradaysche Käfig“ (auch Faradaykäfig), eine allseitig geschlossene Hülle aus einem elektrischen Leiter (z. B. Drahtgeflecht oder Blech), die als elektrische Abschirmung wirkt, hätte in diesem Fall nicht funktioniert. „Ganz wichtig war hier jetzt der Selbstschutz der Helfer“, so Aroca weiter. „Nur bis auf drei Meter hätten Ersthelfer und Feuerwehreinsatzkräfte sich dem Unfallfahrzeug nähern dürfen. Alles andere bedeutet in dieser Situation Lebensgefahr“.

Lieber einmal zu viel oder umsonst ausrücken

Der Einsatzleiter der Feuerwehr beurteilt bei einer Alarmierung die Lage und entscheidet, ob die Bereitschaft der Stadtwerke benachrichtigt wird. Entscheidet er sich dafür, geht die Alarmierung wieder über die Integrierte Leitstelle in Kempten und von dort an die Stadtwerke-Störungsstelle. Erst von dort aus werden dann die Lindauer Bereitschaftler alarmiert. Anhand der Angaben der Kollegen und dem Umfang des Unglücks entschied Aroca sofort, auch den zweiten Bereitschafler Jürgen Doll zur Unterstützung anzufordern. „In diesem Fall wären wir – ginge die Alarmierung direkt auch an die Stadtwerke, gut zwanzig Minuten schneller am Unfallort gewesen“ erläutert Ramón Aroca und ergänzt: „Lieber einmal zu viel oder umsonst ausrücken, als etwas zu riskieren“ stellt er die Umorganisiation der Alarmierungskette aus dem Jahr 2010 in Frage. „Davor wurden wir zusammen mit der Feuerwehr alarmiert“.

Erst stromlos schalten

Am Einsatzort ist es die Aufgabe der Stadtwerke-Bereitschaft, schnell zu entscheiden und zu reagieren. „Im Ernstfall hätten wir an der nächstgelegenen Trafostation in der Kemptener Straße den Bereich „Stadtverwaltung, Karl-Bever-Platz und Aeschacher Ufer bis zur Minigolfanlage“ stromlos geschaltet, zuvor spricht der Techniker mit dem Bereitschafler der Stadtwerke-Netzleitwarte. Diese Aufgabe lag am Übungsabend bei Berthold Geiger. Auf seinem Display überblickt er alle Leitungen und Umschaltungen, Ausfälle und Störungen. Von den 150 Trafostationen der Stadtwerke sind 15 „fernwirkbar“, das heißt, Berthold Geiger könnte sie von der Leitstelle aus stromlos schalten. Das Trafohäuschen Ecke Hasenweidweg/Langenweg gehört nicht dazu und muss nach wie vor manuell bedient werden. Erst wenn der Stadtwerke-Techniker abgeschaltet hat und die Netzleitwarte sieht, dass die Leitung außer Betrieb ist, kann er den Feuerwehrlern grünes Licht geben – jetzt kann gelöscht, geborgen und geräumt werden, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.

Mit Strom ist nicht zu spaßen

„Solche Übungen sind für uns sehr wichtig“ weiß Berthold Geiger. „Wir trainieren dabei unsere Abläufe und diskutieren hinterher, was wir noch besser machen können“. Von der Übung im Vorfeld gewusst hat bei den Stadtwerken der Leiter Ausführung und Planung Strom, Roland Schäfler. Zusammen mit dem Elektroexperten Christian Bauch bei der Lindauer Feuerwehr hat er die Übung organisiert. Mit dem Einsatz seiner Stadtwerke-Kollegen ist Schäfler restlos zufrieden: „Alles hat super funktioniert“. Ein wichtiges Ergebnis aus der Übung und der gemeinsamen Nachbesprechung ist in jedem Fall, dass künftig die Feuerwehr bei der Leitstelle in Kempten bei Unfällen mit Strom direkt auch die Alarmierung der Stadtwerke fordert. Denn „mit Strom ist nicht zu spaßen“.manu/Fotos: SWLi

Ein Unfallfahrzeug unter Spannung: dem Auto zu nahe zu kommen oder es gar zu berühren bedeutet den sicheren Tod.